Lippe und die Reformation

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Sven
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Lippe und die Reformation

Beitrag von Sven » 19.01.2008 09:04

Dieser Beitrag, verfasst von Sven am 31.08.2002, 22:18 Uhr, wurde aus den ehemaligen News-Artikeln ins Forum übernommen.

Lippe und die Reformation

"Die Edelherrn zur Lippe, die erst im Jahr 1528 den Grafentitel annahmen, waren seit Errichtung der Landeshoheit unmittelbarer Reichsstand (erste bekannte Ladung zu einem Reichstag aus dem Jahr 1470)." (E. Kittel)

In politischen Bedrängnissen des 15. Jahrhunderts und zu Beginn des Reformationszeitalters waren die Edelherren Lehnsverpflichtungen gegenüber den Landesgrafen von Hessen (Kassel und Marburg) eingegangen. Älter waren wahrscheinlich die Lehnsverhältnisse gegenüber dem Paderborner Bischofsstuhl. Diese Abhängigkeiten übten einen nachhaltigen Einfluß auf den Gang der Reformation in der kleinen Herrschaft aus.

Sie begann in der Stadt Lemgo in den Jahren 1522/24. Der niederer Klerus predigte gegen den Ablass, Wallfahrten und kirchliche Mißstände .

Im Jahr 1527 organisierten sich die Anhänger Luthers in Lemgo, deren Prediger z.T. aus der "Reichsstadt" Herford kamen. Der Priester Moritz Piderit von St. Nicolai stellte sich zwar anfänglich auf die Seite der Katholiken, ließ sich jedoch nach einer öffentlichen Disputation "bekehren". Auch die vom Diözesenbischof entsandten Priester blieben ihrem auftrag, dem Luthertum Einhalt zu gebieten, nicht treu. Im Jahr 1533 reiste Piderit nach Braunschweig, um sich mit der dortigen reformatorischen Kirchenordnung aus dem Jahr 1528 bekannt zu machen. Lemgo schloß sich dieser Ordnung an. Bald sprengte die reformatorische Bewegung den kirchlichen Rahmen: Die Bürger kritisierten die immunität der geistlichen Personen und Güter, die städtischen Schutz genossen, ohne eine wirtschaftliche Gegenleistung zu erbringen. Diese Opposition ging bis zur Auflehnung gegen den Landesherrn, Simon V.

Durch die annahme der neuen Lehre erhoffte man auch eine Besserung der wirtschaftlichen Zustände zu erreichen.

Simon ist Zeit seines Lebens ein Verfechter der katholischen Lehre geblieben, so dass er im Jahr 1535 mit Gewalt gegen Lippstadt vorging, das bereits evangelisch geworden war. Sein einflussreicher Lehnherr, Philipp von Hessen, hielt ihn davon ab, mit Lemgo ähnlich zu verfahren. Die intransingente Haltung des Landesherrn führte vornehmlich in der Stadtbevölkerung zu Spannungen und tumulten. Wie der Chronist Hamelmann, lutherischer Pfarrer in Lemgo seit dem Jahr 1555, berichtet, schaltete sich auch der Bischof Erich von Paderborn in die Verhandlungen mit den Lemgoern ein. Ausschreitungen in Lemgo machten ein Eingreifen des Grafen Adolf zu Holstein und Schaumburg und Philipps als Vormünder des Kinder Simons V. notwendig. Letzterem gelang die Vermittlung. Inzwischen waren einige Gemeinden in Lippe zur Reformation übergegangen; Simon V. starb im Jahr 1536. Auch die katholischen Vormünder seiner Kinder konnten den Gang der Reformation nicht mehr aufhalten.

Im Jahr 1538 beschloss der Landtag die neue, lutherische Kirchenordnung, als deren wichtigster Autor der aus Amsterdam stammende Johann Tiemann gilt. Die neue Ordnung, in niederdeutscher Sprache verfaßt, fußte auf den kirchenordnungen von Bremen, Hessen und Braunschweig. Die Stadt Lemgo blieb bei ihrer Ordnung vom Jahr 1528, die im Jahr 1533 angenommen worden war. Die Einführung der neuen Ordnung ging mit einiger "Langsamkeit", so berichtete der an der Abfassung beteiligte Reformator der Grafschaft hoya, Magister Buxschot, vor sich. Waren in den größten Städten schon vor dem Jahr 1538 beträchtliche Teile der Bewohner der neuen Lehre zugefallen, so zögerten konservativ gesonnene Kleriker, Adlige und geistliche Kirchenpatrone, schließlich auch Landstädte wie Barntrup (1540), Lage (1541) und Schwalenberg (1542). Oerlinghausen hat den aussagen der Visitatoren von 1542 "schon" 1540 die Kirchenordnung angenommen. Der alte Klerus blieb fast überall im Amt, änderte sich im äußeren Vollzug des Gottesdienstes fast nichts. Die jährliche Synode der lippischen Geistlichkeit (fand) in der Detmolder Residenz des Grafen statt.

Im Jahr 1547 geriet die Grafschaft wegen ihrer engen bindungen an den hessischen Landgrafen in die Strudel des Schmalkaldischen Krieges. Der junge Landesherr, Graf Bernhard VIII., musste unter dem Druck kaiserlicher Truppen im Jahr 1548 das "Interim" durchführen. Darunter versteht man das von Kaiser Karl V. erlassene Reformadekret. Nach der Zustimmung des Landtages im Oktober des Jahres 1548, waren Landesherr und Stände verpflichtet, sich der kaiserlichen Anordnung zu fügen, deren Durchführung der Paderborner Bischof Rembert von Kerssenbrock sogleich ins Werk setzte. mit der Drohung, ihm die paderbornischen Lehen zu entziehen, zwang Rembert den Grafen, dem Luthertum abzuschwören und den lippischen Klerus nach Lemgo zur Annahme des Interims vorzuladen. Der Erfolg war erstaunlich. Nur zwei Pastoren der Grafschaft verweigerten die Annahme. Die Geistlichen von Lemgo lehnten kategorisch ab. Im März 1549 begann in Lippe eine Generalvisitation des Bischofs, sie brachte bemerkenswerte Erkenntnisse über das eindringen der Reformation, die Glaubenshaltung des Klerus und die tatsächliche Befolgung der landesherrlichen Kirchenordnung vom Jahr 1538. Unter den besonderes "altgläubigen" Pfarreien erscheint auch Oerlinghausen, das trotz zehnjährigen Bestehens der Reformation an der lateinischen Messe mit allen hergebrachten Zeremonien festgehalten hatte.

Im Jahr 1552 wendete sich das politische Geschick der kaiserlichen, katholischen Partei im Reich. Die Augsburgische Konfession erhielt wieder freie Bahn. Sogleich begannen viele Geistliche in Lippe die Sakramente wieder nach der früheren Form zu verwalten, deutsche lieder singen zu lassen und die papistischen Messen einzustellen. Der Landesherr war in einer Zwickmühle: Er hatte die Geistlichkeit z.T. mit Gewalt zum Interim gezwungen, und mochte er nicht abermals den Vorreiter spielen. So bedurfte es der Verkündung des Augsburger Religionsfriedens vom Jahr 1555, der die "Confessio Augustana" den Katholiken gleichstellte, um die alte lutherische Ordnung offiziell wiederherzustellen. Es war das dritte Mal innerhalb von 18 Jahren, dass der Klerus des Lipperlandes seinen Glaubenswechsel durch ein heiliges Versprechen besiegelten musste.

Simon VI., der Regent vom Jahr 1563 bis zum Jahr 1613, war ein geistig sehr regsamer und gebildeter Mann. Auf Studienreisen in Westeuropa und den Niederlanden hatte er das reformierte Christentum kennen und schätzen gelernt. Er gedachte daher, dieser Richtung auch in seiner Grafschaft einzuführen. Vakante Pfarrstellen besetzte er vorzugsweise mit Kalvinisten, die er als Flüchtlinge aus dem Ausland aufgenommen hatte. War die "erste" Reformation noch überwiegend entsprechend der Überzeugung der Bevölkerung vollzogen worden, so wurde die "zweite" nun zum Ziel des konsequenten Landesherrn erklärt.

Im Jahr 1602 veröffnetlichte Graf Simon VI. seine Schlosskirchenordnung für Brake, die für alle Kirchen des Landes maßgebend sein sollte. Er gründete Schulen, an denen reformierte Lehrer unterrichteten. Simon VI. umgab sich mit überzeugten Kalvinisten, die er mit der Durchführung von Visitationen beauftragte. Geistliche, die sich nicht fügen mochten, bekamen reformierte Gehilfen, oder wurden durch reformierte aus dem Ausland ersetzt. Die Neuerungen verursachten vielerorts solche Unruhen, dass Graf Simon VI. Massnahmen zur Sicherung seiner Anhänger treffen musste. Seine erbittersten Auseinandersetzungen führte er mit der Stadt Lemgo. Graf Simon VI. fühlte sich als "summus epicopus" und setzte seine landesherrliche Gewalt durch, auch um den Preis von schweren Auseinandersetzungen.

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