Eine kleine Einführung in die Namenkunde

Einführung in die Namenkunde
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Christian
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Eine kleine Einführung in die Namenkunde

Beitrag von Christian » 07.05.2007 22:17

Eine kleine Einführung in die Namenkunde

Die folgende kurze Einführung möchte nur als knappe und keineswegs vollständige Übersicht zum Thema Familiennamen und Namenkunde verstanden werden. Eine umfassende Darstellung würde hier gewiss den Rahmen sprengen. Wer näher in diese Materie einsteigen möchte, der sei auf entsprechend vorhandene Literatur verwiesen (siehe Punkt 4).

1. Die Entstehung der Familiennamen im deutschsprachigen Raum
Unsere Namen stellen beinahe immer die älteste Überlieferung einer Familiengeschichte dar. Die Wurzeln der deutschen Familiennamen reichen oft bis ins Mittelalter zurück und entstanden damit in einer Zeit, in der die meisten Menschen weder Lesen noch Schreiben konnten. Die große Masse deutscher Familiennamen entstand in der Zeit des 14. bis 16. Jahrhunderts.

Bis zum Ende des 11. Jahrhunderts gaben sich die Menschen lediglich einen Rufnamen. Da damals auf dem Land nur wenige Menschen in kleinen und verstreuten Siedlungen lebten, war dieser eine Rufname auch völlig ausreichend, um den Träger des Namens eindeutig zu bestimmen.
Erst mit anwachsender Bevölkerungszahl, dem zunehmenden Handel, erhöhter Mobilität, der Entstehung größerer Ortschaften und Städte und nicht zuletzt durch die aufkommende Verwaltung von Staat und Kirche, wurde ein differenzierteres Namensystem nötig, um eine genaue Personenidentifizierung überhaupt möglich zu machen. Daher fügte man seit dem 12. Jahrhundert zu dem bestehenden Rufnamen einen Beinamen hinzu, welcher als Grundlage für den späteren Familiennamen angesehen werden kann.

Familiennamen entstanden schließlich, wenn ein Beiname einer Person auf deren Nachkommen übertragen (vererbt) wurde. Dies war besonders für Verwaltungszwecke - zum Beispiel Erbschaftsangelegenheiten - wichtig, da Familiennamen nun verwandtschaftliche Beziehungen deutlich machten. Beachtet werden muss jedoch, dass sich anfangs die Familiennamen noch gänzlich ändern konnten, beispielsweise wenn sich der Beruf oder Wohnort des Namensträgers änderte oder gar wenn dieser mit seinem Namen nicht mehr einverstanden war. Erst im 15. Jahrhundert wird die kontinuierliche Verwendung des gleichen Familiennamens deutlich. Erst mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches am 1. Januar 1900, ist eine Änderung der Namensschreibung in Deutschland nur noch auf dem Rechtswege unter bestimmten Umständen möglich.

2. Wie lassen sich Familiennamen einteilen?
Im Wesentlichen gibt es fünf Kategorien, in die sich unsere Familiennamen einteilen lassen: In Patronyme/Metronyme, Herkunftsnamen, Wohnstättennamen, Berufsnamen und Übernamen. Hier der Versuch einer Einteilung in Listenform (die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt):
I. Familiennamen aus Rufnamen
  • Patronyme ("Vatername")
    - Vater
    - Schwiegervater
    - Bruder
    - Onkel
  • Metronyme ("Muttername")
    - Mutter
    - Gattin
    - Schutzpatronin
II. Herkunftsnamen
  • Völker
  • Länder
  • Stämme
  • Regionen
  • Ortschaften
III. Wohnstättennamen
  • Hofnamen
  • Häusernamen
  • Landschaft
    - Geländeformen (Erhebung, Ebene, Vertiefung)
    - Bodenbeschaffenheit
    - Lichtverhältnisse
    - Geländelage
    - Bewuchs (Bäume, Büsche, Wiesen, Äcker, etc.)
    - Gewässer
    - Bauten, Bauwerke
    - Grenzen
    - Wege
IV. Berufsnamen
  • direkte Berufsnamen
    - Gewerbe
    - Ämter
    - Aufgaben
  • indirekte Berufsnamen (Berufs-Übername)
    - Werkzeug
    - Material
    - Tätigkeit
    - (Arbeits-)Kleidung
    - Produkt/Ware
V. Übernamen
  • Körperliche Merkmale
  • Geistige Merkmale und Charakter
  • Verhaltensweisen und Gewohnheiten
  • Biographie/Lebensgeschichte
  • Materielle Objekte (Pflanzen, Tiere, Gegenstände, Gestirne, etc.)
  • Ereignisse und Zeiten (Naturerscheinungen, Jahreszeiten, Monate, etc.)
  • Besitz- und Reichtum
  • Abstammung, Verwandtschaft
  • Kirche und Glaube
  • Würdenträger
2.1 Familiennamen aus Rufnamen
Hierbei wurde der Rufname des Vaters oder - seltener - der Mutter von der nächsten Generation als Familienname übernommen. Man spricht dann von einem Patronym bzw. Metronym. Dabei muss aber nicht zwangsläufig der Rufname des Vaters bzw. der Mutter zum Familiennamen geworden sein - es gibt auch Fälle, bei denen der Name auf den Rufnamen eines anderen Verwandten, eines Patron oder Dienstherrn zurückgeführt werden kann.

2.2 Herkunftsnamen
Familiennamen dieser Kategorie, erhielten praktisch fast nur zugezogene Menschen an ihrem neuen Wohnort. Ursprünglich dienten noch Umschreibungen, wie beispielsweise "Hubert von Oberhausen", zur besseren Unterscheidung der Menschen. Ab der Zeit, als die von der Herkunft abgeleiteten Beinamen, schließlich zu Familiennamen wurden, lässt sich der Trend erkennen, dass Präpositionen wie "aus" und "von" mehr und mehr weggelassen wurden. Bereits im 14./15. Jahrhundert überwiegen schließlich Herkunftsnamen, ohne Präpositionen. Herkunftsnamen wurden nicht nur aus Ortsnamen geschöpft sondern auch aus den Namen und Bezeichnungen von Ländern, Völkern, Stämmen und Regionen.

2.3 Wohnstättennamen
Im Gegensatz zu den Herkunftsnamen wurden Wohnstättennamen vom Wohnsitz einheimischer Menschen abgeleitet. Sehr häufig gehen Wohnstättennamen auf die Landschaftsbeschaffenheit in der Umgebung zurück.

2.4 Berufsnamen
Hierbei lässt sich weiter unterscheiden, ob der Benannte den Beruf ausübte (direkter Berufsname), oder er nach einer bestimmten Eigenheit seines Berufes bezeichnet wurde (indirekter Berufsname). Bei den indirekten Berufsnamen konnte beispielsweise das verwendete Werkzeug, (hergestellte, verarbeitete oder gehandelte) Produkt, ein charakteristischer Arbeitsvorgang oder eine berufstypische Kleidung zur Bildung herangezogen werden. Daneben kann man in diese Kategorie auch Bezeichnungen aufnehmen, die vom Stand oder Amt der Person abgeleitet wurden.

2.5 Übernamen
Ein weites Feld stellen die so genannten Übernamen dar. Hierher gehören vor allem spezielle, einen Menschen kennzeichnende Eigenschaften, die zur Namensbildung herangezogen wurden. So haben sich u. a. das körperliche Erscheinungsbild, charakterliche Eigenschaften, Wesensarten, Lebensereignisse oder Gewohnheiten in derartigen deutschen Familiennamen niedergeschlagen.

3. Namenssuffixe
Da es eine Vielzahl von Namensendungen gibt und eine umfangreiche Behandlung hier den Rahmen sprengen würde, möchte ich lediglich auf den dtv-Atlas Namenkunde sowie folgende Seiten verweisen: 4. Welche Bücher beschäftigen sich mit der Namenkunde?
  • "Das grosse Buch der Familiennamen" von Horst Naumann
  • "Deutsche Namenkunde" von Max Gottschald
  • "Deutsches Namenlexikon" von Hans Bahlow
  • "Die deutschen Familiennamen" von Heintze-Cascorbi
  • "dtv-Atlas Namenkunde" von Konrad Kunze
  • "Duden - Familiennamen", Dudenverlag
  • "Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen, von J. Brechenmacher"
(Die alphabetische Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Weitere Literaturverzeichnisse finden sich u. a. im dtv-Atlas Namenkunde. Im "Taschenbuch für Familiengeschichtsforschung" (12. Auflage) findet sich auf den Seiten von 478 bis 488 ein eigenes Kapitel zur Namenkunde und ein ebenfalls umfangreiches Literaturverzeichnis.

5. Weiterführende Webseiten
I. Vornamen II. Geografische Verbreitung von Nachnamen
Zuletzt geändert von Christian am 07.05.2007 23:10, insgesamt 1-mal geändert.

Irmgard
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Beitrag von Irmgard » 07.05.2007 22:50

Christian, hätte ich es nicht schöner sagen können!

lieben Gruß.. Irmgard
PS: man sollte bei der Erforschung des eigenen Namens nicht vergessen:
jeder Name hat eine ganz eigene Geschichte, die in keinem Lexikon steht!
Zuletzt geändert von Irmgard am 07.05.2007 23:16, insgesamt 1-mal geändert.

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Christian
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Beitrag von Christian » 07.05.2007 22:52

Hallo,

Ergänzungen/Korrekturen sind stets willkommen. Es ist jeder eingeladen an der Einführung zu feilen, mir fehlt da nur momentan leider etwas die Zeit, daher auch nur eine Kopie des bisherigen Beitrag-Standes. Vielleicht ergibt sich dann aus der Gemeinschaftsarbeit aller die hierzu etwas beitragen möchten, zu gegebener Zeit eine verbesserte Fassung.

Schöne Grüße,
Christian

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Thomas
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Beitrag von Thomas » 07.05.2007 23:01

Hallo,

Ich finde die kleine Einführung von Christian, ebenso wie den FAQ-Beitrag sehr gelungen und möchte mich hierfür ausdrücklich bedanken. :D

Gruß
Thomas
Viele Grüße
Thomas

Irmgard
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Beitrag von Irmgard » 09.05.2007 09:26

Eine Ergänzung :

Gesetzlich unterbunden wurde die willkürliche Veränderlichkeit der Familiennamen in

* Bayern 1677
* Österreich 1776
* Preußen 1795
* Friesland 1811

was aber natürlich das Schreiben nach Wortlaut und Dialekt nicht betrifft.
Es sollte nur aus "Schuster" kein "Schmidt" werden ohne Genehmigung der Obrigkeit. Das heißt für Familienforscher, es ist zu jeder gravierenden Namenänderung ein Akt ausgefertigt, meist als Vermerk im Kirchenbuch zu finden.

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